Textatelier
BLOG vom: 23.03.2011

Japan als publizistischer Testfall: Lehrstücke in Manipulation

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Auch das Denken schadet bisweilen der Gesundheit.“
Aristoteles
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Ausländische Helfer, falls sie überhaupt hingereist und erwünscht sind, und viele Journalisten, die aus der ziemlich sicheren Distanz zu den Fukushima-Atomanlagen von Tokio berichteten, haben das Land panikartig verlassen, als das Wort „Kernschmelze“ aufkam. Die Medienvertreter wurden Opfer ihrer eigenen Angstmacherkampagne. Die Qualitätsmedienleute ergingen sich genüsslich in einer AKW-Stimmungsmache, in einer „Weltuntergangsbegeisterung“, von der Roger Köppel in der „Weltwoche“ vom 17.03.2011 schrieb und dabei auf das Geschehen rund um den Tsunami und seine Folgen in Japan Bezug nahm.
 
Das tatsächliche Elend, das insbesondere der Tsunami verursachte, wurde vom Mainstream, der sich vor allem an den ersehnten Kernschmelzen aufgeilte, praktisch weggespült, der Vollständigkeit halber gerade noch am Rande erwähnt. Die Hilfe lief erschreckend schleppend an. www.stern.de berichtete am 17.03.2011: Nach Schätzungen sind mehrere zehntausend, wahrscheinlich rund 100 000 Kinder obdachlos nach Erdbeben und Tsunami. Viele wurden von ihren Eltern getrennt. Wie viele irgendwo alleine gestrandet sind, ist noch immer nicht klar. ,Vor allem die jüngeren Kinder zittern bei jedem Nachbeben vor Angst und verkriechen sich weinend’, berichtet Caelina Maurer, die ein Heim der Malteser in der schwerbeschädigten Küstenprovinz Iwate leitet.“ Die unermessliche Not, hervorgerufen durch das Seebeben und den Tsunami, hat selbstverständlich auch Erwachsene erfasst, die hungern, frieren, von Verzweiflung gezeichnet und in Einzelfällen sogar erfroren sind.
 
Waren ausländische, insbesondere private Hilfsorganisationen, die sich gern an den Medientross anhängen, unerwünscht? Wenn ja, warum? Diese distanzierte Haltung war in den letzten Jahren in vielen verwüsteten Ländern zu beobachten. Offenbar brauchte es im Falle von Fukushima rund 1 Woche, um Medikamente, Lebensmittel, Wolldecken und Zelte ins Katastrophengebiet zu schaffen, das heisst zu den etwa 400 000 Menschen in Notunterkünften – bei allem Respekt vor verschütteten Verkehrsverbindungen doch eine absolut unverständliche Verzögerung.
 
Inzwischen benützten viele Medien – und allen voran einige Fernsehsender – das unbeschreibliche Elend mit den über 21 500 Todesopfern und Vermissten, um zu suggerieren, es sei eine Folge der Atomkatastrophe und nicht von Naturgewalten, etwa nach „Tages-Anzeiger“-Muster: „Die Opferzahl steigt, die Atomangst wächst“. Und der „Blick“ schrieb neben das gelbe Warnsignal für radioaktive Stoffe und ionisierende Strahlung, das wie ein Ventilator aussieht (und 2007 durch ein neueres, analphabeten-tauglicheres ersetzt wurde): „Schon 5000 Tote.“ Die meisten Medien stellen Ursachen und Wirkungen kühn auf den Kopf – ein billiges, schäbiges Schmierenstück in Stimmungsmache und hinterlistiger Manipulation. Eine lobenswerten Ausnahmen war der SF-DRS-Sonderkorrespondent Markus Böhnisch, der das humanitäre Desaster klar auf Naturgewalten zurückführte; ich konnte es fast nicht glauben.
 
Im Allgemeinen ist ein kritische Denkfähigkeit bei den breiten Massen unerwünscht, weil sonst Verdrehungen und Verzerrungen durchschaut werden. Und dass die Restbestände an kritischer Denkfähigkeit dahinschmelzen, beweist der Umstand, dass der grösste Teil der Medienkonsumenten auf die Dauermanipulationen hereinfiel – nur gerade die schwer Betroffenen in Japan blieben gefasst, ebenso wie die japanischen Behörden: keine Panik, keine überstürzten, unüberdachten Beschlüsse. Sie haben nach meinem Empfinden angemessen informiert und reagiert, müssen sich jetzt aber vom ausländischen Medienhauptstrom gleichwohl Vorwürfe gefallen lassen, weil sie keine Hysterien hervorriefen, die doch das Tüpfchen auf dem I der AKW-Ausstiegspropagandisten gewesen wären. Diese haben in ihrer Euphorie ausgeblendet, was ein Abschied von der Kernenergie für die CO2-Belastung der Atmosphäre, für den Gewässer- und Landschaftsschutz, den Ortsbildschutz usf. bedeuten würde. Sogar der Chef der in der Solarbranche tätigen Firma Meyer-Burger, Peter Pauli, hielt am 21.03.2011 fest, dass Kernkraftwerke nicht durch ein paar Solaranlagen ersetzt werden können. Zwar böten die dramatischen Ereignisse in Japan und im arabischen Raum neue Chancen für alternative Energien, aber dafür sei eine langfristige Planung nötig. Es sei besser, die neuen Energieformen langsam, dafür nachhaltig zu fördern.
 
Illusionen und Wirklichkeit klaffen tatsächlich auseinander. Bei einer allmählichen Umstellung auf nachhaltige Energien, mit der nie alle Ansprüche zu befriedigen sein werden, könnte man sich auch an den damit verbundenen Strompreisanstieg gewöhnen. Einen solchen Anstieg der Stromkosten haben wir nach der globalisierten Liberalisierung des Strommarkts ohnehin; doch kann er noch beliebig gesteigert werden, bis Firmen mit einem hohen Energieverbrauch wie solche in der Eisenverarbeitung schliessen müssen und noch mehr Arbeitslose gebären. Viele Leute scheinen im Moment wie versessen auf möglichst hohe Elektrizitätsrechnungen zu sein. Und schon wird im Interesse einer weiteren Gewässerkanalisierung zur Stromgewinnung der Landschafts- und Umweltschutz aufgeweicht. In diesem Sinne besonnen zeigte sich am 22.03.2011 der Aargauer Grosse Rat, der eine Standesinitiative mit der Forderung eines Ausstiegs aus der Kernenergie mit 82:48 Stimmen klar ablehnte. 3 der 5 Schweizer Kernkraftwerke stehen im Aargau (Beznau I und II sowie Leibstadt).
 
Leben mit Unsicherheiten
Sicherheitsverbesserungen sind unendliche Baustellen, selbst im virenverseuchten elektronischen Kommunikationsbereich. Und es ist sinnvoll, ständig Lehren zu ziehen. So lange die absolute Sicherheit nicht erfunden ist, gibt es immer Restrisiken, die beliebig herunter- bzw. heraufgespielt werden können: Elektrosmog (↓), Gentechnologie (↓), Nanotechnologie (noch kaum beachtet), Erdöl- und Erdgasgewinnung und die Transporte dieser Energieträger auch über lange Leitungen (↓), Radioaktivität mit Ausschluss von deren medizinischen Anwendungen (↑), Medikamentengefahren (↓) einschliesslich der Hormonanwendungen mit der damit verbundenen Versuchung unseres Lebensraums (↓) usw. Würde man überall die gleich hohen Standards wie bei der Kernenergie ansetzen, müsste man auf sämtliche boden- und gewässerbelastenden Massnahmen, vor allem dem Giftstoffeintrag aus der verschmutzten Luft, den rigorosen Kampf ansagen, den Flug-, Auto- und Eisenbahnverkehr wegen der häufigen Katastrophen verbieten – selbst der Hubschrauber der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, die kurz zuvor ausgestiegen war, entging am 17.03.2011 bei Offenburg nur knapp einem Absturz. Es gälte im Weiteren, Warnanlagen rund um Spitäler aufzustellen, die Intensivlandwirtschaft mit ihrer Agrochemikalienverbandelung auf ökologisch funktionalen Einheiten zurückzuführen, die zu Tode verarbeitete Industrienahrung aus dem Verkehr zu ziehen und inkompetente, quotenjägerisch agierende Medienschaffende in Ausbildungslager zu schicken, um politischen Irritationen vorzubeugen, die zu falschen Schlüssen und Massnahmen führen. Auch von Politikern müsste man Fachkenntnisse zwingend einfordern; das Studium von Parteibüchlein, die Übernahme der Volksstimmungen zur Absicherung der Wiederwahl und die Zugänglichkeit für Lobbyisten dürften nicht als ausreichende Voraussetzungen für die Amtstauglichkeit akzeptiert werden.
 
Bei all dem grassierenden Dilettantismus und den sich bei abgeschalteten Gehirnen potenzierenden Fehlleistungen sind die Restrisiken riesig. Das ergab sich in den letzten Jahrzehnten betont aus der Hinwendung zur neoliberalen Globalisierung, die ausgerechnet von Linkskreisen, das heisst von ihren Anführern, lustvoll vorangetrieben wird und vom Herdentrieb unterstützt wird: noch so eine Verwirrung auf dem Buckel des Fussvolks, das am Schluss für all die Folgen dieses Nonsenses geradezustehen hat.
 
Und dann wären da noch die Fachleute, die meistens nur sektoriell tätig sind und zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen gelangen und damit den ganzen Wissenschaftlichkeiten einen Dämpfer versetzen. Unter dem Experten-Angebot  können die Redaktionen beliebig unter Befürwortern und Gegnern aussuchen. Die meisten der Atomexperten, die während des Fukushima-Dramas zum Zuge kamen, erweckten, etwas pauschalisierend gesagt, einen wenig überzeugenden Eindruck, weil sie ihre Verunsicherung betont zur Schau stellten. Sie leiteten alle ihre Ausführungen mit einem Betroffenheitsbekenntnis ein, nicht etwa nur wegen der Erdbeben- und Tsunamitoten, sondern auch wegen der Geschehnisse in den Reaktordruckbehältern und den austrocknenden Brennstabwannen. Was immer auch noch passieren würde, auch sie wollten auf der sicheren Seite der restrisikobehafteten Kernenergiegefahren stehen – alles ist möglich. Man weiss zu wenig. Den immer gleichen Suggestivfragen der Medienleute („Es ist jetzt doch erwiesen, dass die Gefahren unterschätzt wurden. Was sagen Sie dazu?“ – „Müsste man nach all den Erfahrungen in Japan nicht alle Atomkraftwerke abschalten? Ihr Weiterbetrieb ist doch unverantwortlich.“) hatten sie kaum klare Antworten entgegenzusetzen, beteten die Litanei vom Restrisiko herunter, das laut dem Sprücheklopfer Viktor Giacobbo der Menschheit den Rest geben könnte. Die Experten zeigten sich konsterniert, schockiert, wagten kaum noch zu einer Technik zu stehen, die bei aller Problematik, auch hinsichtlich der Entsorgung der Atomabfälle, vor lauter Sicherheitsvorschriften zu kapitulieren scheint und halt doch auch ihren positiven Einfluss auf die Umwelt hatte. Wenn sich die Verantwortlichen so leicht verunsichern lassen, dann packen sie wohl besser gleich zusammen und wenden sich der weniger risikobehafteten Produktion von Fahrradpedalen oder Regenschirmen zu.
 
Der Österreich-Witz
In diesem Zusammenhang sei an den Bau des österreichischen Kernkraftwerks Zwentendorf erinnert, das zwar gebaut werden durfte, alle damaligen Sicherheitsanforderungen erfüllte, aber aufgrund einer äusserst knapp ausgegangenen Volksabstimmung 1978 (50,4 %) nicht in Betrieb genommen wurde, ebenfalls eine energiepolitisch besonders starke Leistung. Österreich begann, Strom aus Öl- und Kohlekraftwerk-Dreckschleudern aus Osteuropa einzuführen, baute 5 Kohlekraftwerke und hat nach wie vor eine grosse Abhängigkeit von ausländischen Primärenergieträgern. Ich erhalte nur schon beim Gedanken an die Verheizung von jährlich etwa 5 Millionen Tonnen importierter Steinkohle in Österreich schwere und anhaltende Hustenanfälle. Auch Atomstrom wird gern importiert. Das atomkraftmässig als vorbildlich dargestellte Land arbeitet gerade an eine Studie über die Folgen eines Blackouts, nachdem kleine bis mittelgrosse Stromausfälle in Österreich ungefähr 10 000 Mal pro Jahr auftreten (Quelle: e-Control, 2007).
 
Es wäre erwünscht, dass die Energieproblematik im grossen Zusammenhang diskutiert und auch unter dem Aspekt der Einsparung diskutiert werden könnte: stark limitierte Sendezeit der Fernsehstationen, Beendigung des Zeitungsdrucks und Info-Verbreitung rein über elektronische Stränge, Absenkung der Temperaturen in allen Gebäuden, Übergang zu mehr Handarbeit statt kräftesparender und energoefressender Geräte, Beschränkung der internationalen Güter- und Menschentransporte auf ein unerlässliches Mass usf.
 
Zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Zeilen sind die Vorgänge im Fukushima-AKW-Komplex noch immer unklar – Phasen der Entspannung weichen solchen mit neuerwachten Ängsten aufgrund von Rauch- und Gasaustritten. Die Lage stabilisiert und normalisiert sich langsam, wie es den Anschein macht, abgesehen vom Reaktor 3 mit seinen besonders gefährlichen Plutonium-Uran-Mischoxiden. Man klammert sich im Übrigen noch verzweifelt an einige Lebensmittel mit leicht erhöhten Strahlenwerten und ans Trinkwasser, in das radioaktives Jod seinen Weg gefunden hat.
 
Zurück zu Libyen
Die Wende zum Guten ist medial weniger ergiebig, so dass man jetzt getrost zu den Bombardements in Libyen überwechseln kann, mit denen die „internationale Gemeinschaft“, auch „Allianz der Willigen“ genannt, am 19.03.2011 und damit genau zum richtigen Zeitpunkt begonnen hat; mit dem Thema Japan kann man nicht mehr hinreichend Quote bolzen.
 
Die zurückhaltende Haltung der USA, in der Regel der Brutherd kriegerischen Ungeists, sei hier ehrend festgehalten, eine bisher unbekannte Seite, falls diese andauert und nicht nur Rhetorik ist. Dasselbe ist auch über Deutschland zu sagen, derweil sich Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy als Kriegsherr profilieren will.
 
Die Themen Kernschmelze, Verstrahlung, Dampf- und Rauchaustritte in Fukushima sind gerade ausgereizt. Man mag sie nicht mehr hören. Der Weltuntergang lässt noch etwas auf sich warten.
 
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14.03.2011: Gedanken zu den Katastrophen in Japan und zu den Medien
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